Sardinien ist unter Motorradfahrern längst kein Geheimtipp mehr, und trotzdem fahren die meisten an den besten Strecken vorbei. Wer nur die Küstenstraße kennt, hat die halbe Insel gesehen. Die andere Hälfte liegt im Inneren: Granitberge in der Gallura, Schluchten im Supramonte, eine Hochebene mit Wildpferden, Vulkanwälder und Sandpisten direkt am Meer.
Unsere Guides fahren diese Runde seit Jahren, mit GPS-Tracks, die sie Saison für Saison nachbessern. Aus diesen Tracks und aus ihrem Roadbook ist dieser Artikel entstanden. Du findest hier fünf Tagesetappen, die zusammen eine Rundreise durch den Norden und die Mitte Sardiniens ergeben, mit den Straßen, die sich wirklich lohnen, und mit ehrlichen Angaben dazu, wo der Asphalt aufhört.

Sardinien mit dem Motorrad: was dich erwartet
Sardinien ist eine Insel der kurzen Distanzen und der langen Fahrtage. Auf der Karte sehen 150 Kilometer nach einem halben Tag aus. In Wirklichkeit folgt Kurve auf Kurve, die Straßen sind schmal, im Landesinneren begegnet dir eher eine Schafherde als ein Auto, und an jeder zweiten Kehre willst du anhalten. Plane fünf bis sechs Stunden im Sattel für 120 bis 200 Kilometer ein, dann passt es.
Drei Dinge machen die Insel besonders:
- Der Asphalt. Im Bergland ist er griffig und oft erstaunlich gut, dazu fast leer, sobald du die Küste verlässt.
- Die Pisten. Sardinien ist eines der wenigen Reiseziele in Europa, in denen du tagelang auf offenen Schotterstraßen fahren kannst. Die Rallye-Weltmeisterschaft kommt nicht ohne Grund jedes Jahr hierher.
- Der Wechsel. Morgens Bergwald auf 1.000 Metern, mittags ein Agriturismo am See, abends Füße im Meer. Auf keiner anderen Mittelmeerinsel liegt das so dicht beieinander.
Auf der Karte siehst du die fünf Fahrtage so, wie unsere Guides sie mit dem GPS aufgezeichnet haben, jeder Tag in einer eigenen Farbe.

Tag 1: Monte Limbara und die Pisten der Gallura
Start ist Tempio Pausania, eine Kleinstadt aus grauem Granit mitten in den Korkeichenwäldern der Gallura. Gleich hinter dem Ort beginnt der Anstieg zum Monte Limbara, der die Region mit 1.359 Metern überragt. Unterwegs stehen verwitterte Granitblöcke wie Skulpturen in der Landschaft, und bei klarer Sicht reicht der Blick bis nach Korsika.
Dann wird es staubig. Südlich des Limbara verlaufen die Schotterpisten, auf denen die Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) ihre sardischen Wertungsprüfungen fährt. Für uns sind es breite, gut fahrbare Pisten durch Macchia und Korkeichen, mit einzelnen sandigen Stellen, die nach Regen auch mal schlammig werden. Nach einer Kaffeepause in Berchidda, auf dem Platz neben der Kirche, geht es hinunter zu den Seen bei Pattada. Mittagessen gibt es in einem Agriturismo am Ufer, der Tisch steht draußen mit Blick aufs Wasser.
Der Nachmittag gehört dem Asphalt: über Bitti durch das leere Hochland der Barbagia bis zur Ostküste. Das Finale ist die alte Straße nach Cala Gonone. Statt durch den Tunnel fährst du über den Berg, schmal und in engen Kehren, und plötzlich liegt der ganze Golf von Orosei unter dir.

In Zahlen: rund 170 km, davon laut GPS gut ein Drittel auf Schotter, verteilt auf fünf Abschnitte. Höchster Punkt knapp 1.000 Meter.
Tag 2: die SS125 über den Genna-Silana-Pass
Wenn du auf Sardinien nur eine einzige Straße fahren kannst, dann diese. Die SS125, die „Orientale Sarda“, klettert von Dorgali nach Süden in den Supramonte, ein wildes Kalkgebirge ohne Dörfer, ohne Tankstellen und fast ohne Verkehr. Die Straße hängt am Hang über der Gorropu-Schlucht, einer der tiefsten Schluchten Europas, und erreicht am Genna-Silana-Pass gut 1.000 Meter. Unterwegs gibt es einen Aussichtspunkt mit Rundumblick über die Schlucht, und am Pass einen Biker-Treff, an dem im Sommer halb Europa Espresso trinkt.
Hinter dem Pass verlassen wir den Asphalt. Eine Piste führt durch das Bergland von Urzulei, mit mehreren Furten und einem steilen Stück. Hier läuft das Vieh frei herum, Kühe, Ziegen und Schweine, also Tempo raus. Mittags gibt es hausgemachte Pasta in Villanova Strisaili.
Am Nachmittag rollst du an den Flanken des Gennargentu entlang, des höchsten Gebirges der Insel, mit der Punta La Marmora als Gipfel. Die Straße über Seulo gehört zu den schönsten im Inselinneren: endlose Kurven, tiefe Täler, ab und zu ein Nuraghe am Straßenrand, einer der bronzezeitlichen Steintürme, von denen auf Sardinien mehrere tausend stehen. Der Tag endet im Hügelland südlich des Gennargentu, in einem Landgasthof, in dem das Abendessen fünf Gänge hat und niemand hungrig ins Bett geht.

In Zahlen: der längste Bergtag, höchster Punkt rund 1.140 Meter. Überwiegend Asphalt, dazu etwa 20 km Piste.
Tag 3: Giara, Monte Arci und Sinis
Der Morgen beginnt auf Feldwegen zwischen Weiden, dann steigt die Piste auf die Giara di Gesturi. Die Giara ist ein Tafelberg aus Basalt, oben flach wie ein Tisch, bewachsen mit Korkeichen und durchzogen von flachen Tümpeln. Hier lebt eine der letzten Wildpferdherden Europas, die kleinen „Cavallini della Giara“. Sie stehen oft direkt neben der Piste. Langsam fahren ist hier keine Empfehlung, sondern Pflicht.
Danach kommt der anspruchsvollste Abschnitt der ganzen Runde: der Staatswald am Monte Arci, einem erloschenen Vulkan, an dessen Hängen schon in der Steinzeit Obsidian abgebaut wurde. Die Waldwege sind steinig, stellenweise steil und ausgewaschen. Mit etwas Offroad-Erfahrung ist das ein Riesenspaß, mit Sozius raten wir davon ab. Bei schlechten Bedingungen weichen unsere Guides auf die Straße aus.
Am Nachmittag erreichst du die Westküste und die Halbinsel Sinis: weiße Quarzstrände, Lagunen mit Flamingos, ein ausgetrockneter Salzsee. Entlang der Küste führt eine Sandpiste, mal fest, mal tief. Das ist der Moment, in dem jeder einmal absteigt, meistens unfreiwillig und immer im ersten Gang. Am Ende der Halbinsel liegen bei San Giovanni di Sinis die Ruinen von Tharros, einer phönizischen Hafenstadt, und davor ein Strand, an dem du den Staub abwäschst.

In Zahlen: rund 160 km, etwa ein Viertel davon auf Pisten. Der fahrerisch anspruchsvollste Tag.
Tag 4: von Bosa nach Alghero, die schönste Küstenstraße
Der lange Tag, und der, von dem hinterher alle erzählen. Er beginnt mit einer leichten Sandpiste zwischen Dünen und türkisfarbenem Wasser, dann geht es hinauf in den Monte Ferru, ein altes Vulkanmassiv, in dessen Steineichenwäldern es auch im Hochsommer kühl bleibt. In Cuglieri, unter der weithin sichtbaren Basilika, gibt es den ersten Kaffee.
Bosa ist die nächste Pause und eine der hübschesten Kleinstädte der Insel: bunte Häuser am Fluss Temo, darüber eine Burg, unten am Meer der kleine Hafen. Und dann kommt sie, die Straße, die unsere Guides ohne Zögern „die schönste der Reise“ nennen. Zwischen Bosa und Alghero klebt der Asphalt gut 40 Kilometer lang an der Steilküste, ohne ein einziges Dorf, mit Kurven in jedem Radius und dem Meer immer tief unter dir. Mit etwas Glück kreisen Gänsegeier über der Straße, hier lebt eine der letzten Kolonien Italiens.
Alghero selbst ist eine katalanische Enklave: Die Altstadt auf ihren Festungsmauern sieht aus wie ein Stück Spanien, und die Straßenschilder sind zweisprachig. Wir stellen die Motorräder ab und lassen dir Zeit für einen Rundgang. Dahinter liegt der Naturpark von Porto Conte mit dem Capo Caccia. Wer noch Kraft in den Beinen hat, steigt dort mehrere hundert Stufen die Felswand hinunter zur Neptungrotte, einer Tropfsteinhöhle auf Meereshöhe. Der Tag endet ganz im Nordwesten, bei Stintino.

In Zahlen: rund 200 km, der längste Tag der Runde. Viel Asphalt vom Feinsten, am Morgen und am Abend kurze Pistenstücke.
Tag 5: durch die Anglona zurück in die Berge
Der letzte Fahrtag führt von der Nordküste wieder nach Osten. Die Anglona ist eine Landschaft, durch die kaum ein Tourist kommt: Tafelberge, Felder, romanische Landkirchen mitten im Nichts. Am Vormittag gibt es noch einmal Piste, zum Mittagessen halten wir in Laerru.
Danach beginnt die letzte Schleife auf Asphalt. Bei Aggius fährst du durch ein Tal voller riesiger, rund geschliffener Granitblöcke, das die Einheimischen das Mondtal nennen. Ein letzter Kaffee auf dem Dorfplatz, dann noch ein paar Pisten und Wege durch die Gallura, und du rollst zurück nach Tempio Pausania. Tanken, Motorräder abstellen, und am Abend gibt es ein Abschiedsessen mit allem, was die sardische Küche hergibt.

In Zahlen: rund 120 km, etwa ein Viertel davon auf Pisten. Ein kurzer Tag zum Ausrollen.
Wie viel Offroad steckt in dieser Runde?
Mehr, als die Kilometer vermuten lassen. Nach den GPS-Tracks liegt der Pistenanteil je nach Tag zwischen einem Zehntel und gut einem Drittel der Strecke. Weil du auf Schotter langsamer bist als auf Asphalt, verbringst du an manchen Tagen trotzdem mehr als die Hälfte der Fahrzeit abseits der Straße.
Die meisten Pisten sind breit und gut fahrbar, genau das, was eine Royal Enfield Himalayan am liebsten mag. Einzelne Abschnitte sind technischer: die Furten im Supramonte, der Wald am Monte Arci, der tiefe Sand auf dem Sinis. Du musst kein Enduro-Profi sein, aber du solltest sicher fahren, schon einmal auf Schotter unterwegs gewesen sein und Lust darauf haben. Wer ausschließlich Asphalt sucht, wird mit dieser Runde nicht glücklich. Wer beides will, findet in Europa kaum etwas Besseres.
Die vier schönsten Asphaltstrecken auf eigene Faust
Du bist mit der eigenen Maschine auf der Insel und suchst nur die besten Straßen? Dann nimm aus dieser Runde vier Strecken mit:
- SS125 von Dorgali nach Baunei über den Genna-Silana-Pass. Die Referenz. Fahr sie früh am Morgen, dann gehört sie dir allein.
- Die Küstenstraße von Bosa nach Alghero. Am schönsten am späten Nachmittag von Süden nach Norden, mit der Sonne über dem Meer.
- Tempio Pausania, Monte Limbara, Berchidda. Granit, Korkeichen und eine Stichstraße fast bis zum Gipfel.
- Von Cuglieri durch den Monte Ferru nach Bosa. Kurvig, schattig und im Sommer zehn Grad kühler als die Küste.
Tank immer voll, wenn du kannst. Im Supramonte und im Gennargentu liegen zwischen zwei Tankstellen schnell 60 Kilometer, und über Mittag läuft an vielen Tankstellen nur der Automat.
Fähre oder Fly & Ride?
Aus Deutschland brauchst du mit dem eigenen Motorrad ein bis zwei Tage bis zur Fähre in Genua oder Livorno, dann eine Nacht auf dem Schiff, und nach dem Urlaub das Ganze zurück. Das kann Teil der Reise sein. Es kostet dich aber mehrere Urlaubstage und einiges an Reifen.
Die Alternative: Du fliegst nach Olbia, und das Motorrad wartet schon. Genau so ist unsere geführte Motorradtour durch Sardinien aufgebaut. Du fährst die fünf Etappen aus diesem Artikel auf einer Royal Enfield Himalayan, in einer kleinen Gruppe mit höchstens zehn Motorrädern, begleitet von einem Guide, einem Mechaniker und einem Begleitfahrzeug für dein Gepäck. Unterkunft, Verpflegung und Kraftstoff sind dabei. Den Flug buchst du selbst, so wählst du Abflugort und Tarif frei, und Helm und Schutzkleidung bringst du mit. Die Pisten, die Agriturismi und die Kaffeepausen kennst du jetzt schon.
Wann die beste Reisezeit ist, was die Reise kostet und wie die Anreise funktioniert, liest du auf unserer Seite zur Motorradreise Sardinien.
+43732210385

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